Warum ich noch immer ein Pirat bin

Aus aktuelle Anlass:
“Ich finde Parteien sch**sse” meinte vor einiger Zeit ein sehr aktiver Blogger in Aachen.
Wozu ich ihm nur zustimmen kann. Hierarchien durchkämpfen bei den anderen Parteien würde für mich nie in Frage kommen.
Aber wenn man “nur” ein Protestbewegung, ein Demonstrationsteilnehmer oder eine Bürgerinitiative ist, so wird man wesentlich weniger wahrgenommen. Das sieht man schon daran, dass eine (vermeintliche!) Piratin mit einem unüberlegten Spruch in allen Medien ist.
Bei einer Bürgerinitiative ist es gut, wenn der Baum gerettet ist. Super! Fein! Aber das ist nichts langfristiges.
Ein Ziel wie eine Reformierung des Urheberrechts ist nichts, was eine BI stemmen kann. Oder wie will man überhaupt auch nur eine BI gründen, um Transparenz in Vergabeverfahren und Entscheidungen im Rathaus zu bringen?
Dafür braucht man eine Partei und damit (leider!) auch den Formalfoo.
OK, wir brauchen also eine Partei. Warum dann nicht etwas wie eine UWG oder FWG (die es hier beide in Aachen gibt). Da gibt es keine Hierarchien – weil diese Parteien auf Städeebenen aufhören. Da drüber ist nichts. Womit diese aber auch nie einen Repräsentanten in den Landtag schicken werden – also auch nie Landesthemen direkt bearbeiten können.
OK, wir brauchen also eine Partei auf Landesebene.
Für mich hört es da im Moment auf. Meine Empfindung ist zumindest so. Ja, wir haben einen BuVo und eine “Piratenpartei Deutschland” – aber mit denen habe ich nichts am Hut. Wir müssen den Politikbetrieb und das Agieren auf kleiner Ebene lernen und ein paar Sachen in den Landtag pushen können. Da sind wir dran – das wird im Mai kommen.
Aber muss ich, um in Aachen Kommunal- und ggf. Landespolitik machen zu können, mir ein Bombergate antun? Nein.
Ich habe die Aktion mitbekommen und schüttel auch ein wenig den Kopf. WENN es wirklich die Piratin war, dann hatte sie doch bald eine Bühne, wo sie ihre Aussagen hätte in die Öffentlichkeit tragen können. Warum dann 3 Worte auf die nackte Brust schreiben? Wie bei einem Tweet kriegt man nur minimale Aussagen unter – die dann gerne falsch verstanden werden (können). Aber warum werden die falsch verstanden und daraufhin soo extrem reagiert?
Die Frau wollte gegen einen (Neo-)Nazi-Aufmarsch demonstrieren. Damit können sich die meisten anfreunden. OK. Fein. Sex sells – ergo nackte Brust. Na ja, kann man machen. Bei unserer aktuellen Medienlandschaft muss man das ggf. sogar. Und dann noch ein Spruch, den man sich fett auf die Brust schreiben kann. Tja, damit bleibt da nicht viel an Wortzahl übrig. “Thanks Bomber Harris for ending the nazi regime” – passt einfach nicht. Ich unterstelle aber, dass sie das sagen wollte. Im Kontext der Verhinderung des Nazi-Aufmarsches verstehe ich die 3 Worte (die auf die Brust passten) “Thanks Bomber Harris”  noch immer so. Man kann sie aber auch komplett anders verstehen. Auch wenn es dann nicht mehr in den Kontext passt – aber man kann.
Wenn man aber von einem netten, engagierten und vielleicht übereifrigen Gegenüber ausgeht – dann kommt diese eine Aussage heraus – nämlich “thanks for ending the nazi regime”.
Wenn man genauso bei div. Tweets rangeht, dann kommen die (gewollten) Aussagen auch raus – wenn die Kritiker ehrlich sind.

Aber wenn ich Kommunalpolitik machen und dort etwas bewegen will für die Partei und die Menschen in der – dann muss ich auch an diese denken, wenn ich handle. Und dann ist (als Frau) nackter Oberkörper  tabu. Weil es falsch verstanden werden kann. Und ich doch klare Aussagen treffen und nicht nur Unruhe stiften will. Dann sind auch geplatzte Kondome tabu. Weil man nicht mehr nur sich selber nach aussen darstellt sondern eine Partei mit vielen engagierten Leuten darin – und diese möchten nicht mit einem geplatzten Kondom in Verbindung gebracht werden.

Ich twittere auch: aus der Ratssitzung, was da gerade passiert. Weil es (vielerorts) noch kein Rats-TV/Radio gibt. Ist nicht sexy – aber kommt einem unserer Ziele, Politik transparenter zu machen, näher.
Ich lese kaum Tweets und die NRW Mailing-Liste seit Monaten nicht mehr. Damit hat man Zeit, Programme auszuarbeiten und Verwaltungsfoo zu machen. Und man ärgert sich viiiel weniger. Können wir uns vielleicht darauf einigen und so als Partei für unsere Städte und Länder bürgernähere Politik machen?
Dies ist auch eine Antwort auf http://piratengedoens.wordpress.com/2014/02/21/es-war-einmal-eine-piratin/

Udo Pütz, @upuetzpirat